Als ich zum ersten Mal bewusst vor den Lavendelbüschen meiner Schwiegermutter stand, war ich überrascht.
Es waren keine riesigen Lavendelfelder wie in der Provence, sondern einige kräftige, stark duftende Büsche. Was mich aber noch mehr beeindruckte, waren die vielen Insekten. Überall summte und brummte es. Bienen, Hummeln und andere Insekten flogen von Blüte zu Blüte.
Ehrlich gesagt hatte ich zunächst großen Respekt, mich den Blüten überhaupt zu nähern. So viele Insekten auf einmal hatte ich selten so dicht erlebt.
Erst später begann ich mich zu fragen: Warum sind sie alle hier? Und warum investiert eine Pflanze überhaupt Energie darin, so viele Duftstoffe zu bilden?
Genau dieser Frage möchte ich in diesem zweiten Teil meiner Lavendel-Reise nachgehen.

Der Duft ist nicht für uns entstanden
Für uns Menschen riecht Lavendel angenehm. Wir verbinden seinen Duft mit Sommer, Entspannung oder vielleicht mit ganz persönlichen Erinnerungen.
Doch Lavendel bildet seine Duftstoffe nicht für uns.
Die flüchtigen Pflanzenstoffe, die später auch Bestandteile des ätherischen Öls sind, erfüllen für die Pflanze selbst verschiedene Aufgaben. Sie gehören zu ihren Möglichkeiten, mit ihrer Umwelt zu leben und auf sie zu reagieren.
Denn eine Pflanze kann nicht einfach davonlaufen, wenn ihre Umgebung schwierig wird. Sie braucht andere Strategien.
Eine Einladung an Bestäuber
Am auffälligsten wird das bei den Blüten.
Ihr Duft hilft dabei, Bienen, Hummeln und andere Bestäuber anzulocken. Gemeinsam mit Farbe, Form und Nektar entsteht ein ausgeklügeltes Angebot für die Insekten.
Was ich damals im Garten meiner Schwiegermutter beobachtete, war also keineswegs zufällig.
Für mich waren es einfach viele summende Besucher. Für den Lavendel sind sie Teil seiner Fortpflanzung.
Duft kann auch Schutz bedeuten
Das Anlocken von Bestäubern ist nur eine Aufgabe.
Pflanzen bilden eine Vielzahl unterschiedlicher Stoffe, die ihnen auch dabei helfen können, sich gegen Fraßfeinde und Mikroorganismen zu behaupten oder auf Verletzungen und andere Belastungen zu reagieren.
Nicht jeder Duft, den wir angenehm finden, ist deshalb für jedes Lebewesen gleichermaßen attraktiv.
Was für uns wunderbar riecht, kann für einen anderen Organismus ein Signal sein: Diese Pflanze ist nicht unbedingt eine gute Mahlzeit.
Warum steckt das ätherische Öl an verschiedenen Stellen?
Auch das finde ich spannend: Duftstoffe entstehen nicht ausschließlich in Blüten.
Je nach Pflanze finden wir sie beispielsweise in Blättern, Nadeln, Rinde, Wurzeln, Harzen oder Fruchtschalen.
Beim Lavendel sitzen viele der ölbildenden Strukturen in winzigen Drüsenhaaren auf den oberirdischen Pflanzenteilen. Dort werden die flüchtigen Stoffe gebildet und gespeichert.
Wenn wir Lavendel zwischen den Fingern reiben und sein Duft plötzlich intensiver wird, bekommen wir einen kleinen Eindruck davon.
Je mehr ich weiß, desto mehr Fragen entstehen
Damals sah ich vor allem einen duftenden Lavendelbusch voller Insekten.
Heute sehe ich darin eine Pflanze, die auf vielfältige Weise mit ihrer Umwelt verbunden ist.
Und genau das fasziniert mich: Ein Duft, den wir vielleicht einfach als angenehm wahrnehmen, erfüllt für die Pflanze selbst ganz andere Aufgaben.
Je mehr ich darüber erfahre, desto weniger selbstverständlich erscheint mir ein ätherisches Öl in einem kleinen Fläschchen.
Denn bevor wir es nutzen können, ist es zunächst ein Teil der Pflanze selbst.
Wie geht es weiter?
Im nächsten Teil möchte ich deshalb einen Schritt weitergehen:
Warum riecht Lavendelöl nicht immer gleich?
Welche Rolle spielen Lavendelart, Herkunft, Klima, Erntezeitpunkt und Destillation? Und was bedeutet all das für die Qualität eines ätherischen Öls?
Darum geht es beim nächsten Mal.
Garten der Erinnerung
Wenn du an Lavendel denkst: Was kommt zuerst – der Duft, eine Pflanze, ein Ort oder eine bestimmte Erinnerung?
Ich freue mich, wenn du mir deine Geschichte dalässt. Schreib mir gern.
Sonnige und dufte Grüße
Astrid
Zum Weiterlesen
Wenn du tiefer in die Welt der ätherischen Öle und Heilpflanzen eintauchen möchtest, begleiten mich unter anderem diese Bücher:
Susanne Fischer-Rizzi: „Himmlische Düfte“
Ein Klassiker rund um ätherische Öle, Pflanzenwissen und ihre traditionelle Verwendung.
Eliane Zimmermann: „Aromatherapie für Pflege- und Heilberufe“
Fundiertes Fachwissen über ätherische Öle, Inhaltsstoffe und ihre praktische Anwendung.
AromaTools (Hrsg.), „Modern Essentials Handbuch – Der führende Leitfaden zu ätherischen Ölen“
Eins meiner schnellen Nachschlagewerke zu ätherischen Ölen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine medizinische Beratung.
Hinterlasse einen Kommentar